Gewalt in der Schule - Eine Schüler- und Lehrerbefragung

Anomietheorie vertieft 1 - Gewalt in der Schule

Die Anomietheorie von Robert K. Merton


Mertons theoretische Problemstellung ergibt sich aus der Frage: "Wie ist es zu erklären, daß die Häufigkeit
abweichenden Verhaltens in verschiedenen sozialen Strukturen variiert, und warum nehmen die Abweichungen in
verschiedenen sozialen Strukturen unterschiedliche Formen und Muster an? "' Dabei geht er davon aus, daß unter
den verschiedenen Elementen der kulturellen Strukturen einer Gesellschaft im Hinblick auf die Erzeugung von
abweichendem Verhalten zwei von besonderer Bedeutung sind.

Erstens, die "kulturell festgelegten Ziele, Absichten und Interessen, die als legitime Zielsetzung fiualle (oder für
unterschiedlich plazierte) Mitglieder der Gesellschaft dienen"; und zweitens, die zur Erreichung dieser Ziele
legitimierten Mittel, die die kulturelle Struktur "bestimmen, regulieren und kontrollieren."'

Auf der anderen Seite' besteht die soziale Struktur, ein System von Interaktionen, in die "die Mitglieder der
Gesellschaft oder Gruppe unterschiedlich einbezogen sind", und das die Möglichkeiten sozial strukturiert, in
"Übereinstimmung mit den für alle verbindlichen kulturellen Zielen und Normen zu handeln".'

Die Frage, "wie soziale Strukturen (nun) einen bestimmten Druck auf bestimmte Personen in der Gesellschaft so
ausüben, daß sie sich eher (abweichend) als konform verhalten"', versucht Merton dadurch zu lösen, daß er
annimmt, daß eine Diskrepanz zwischen kultureller und sozialer Struktur besteht. Diese manifestiert sich darin, daß
die Sozialstruktur "wert- und normadäquates Handeln den Inhabern bestimmter Positionen in der Gesellschaft ohne
weiteres ermöglicht, anderen dagegen erschwert oder gar unmöglich macht." Aus dieser Spannung zwischen
kultureller und sozialer Struktur entwickelt sich ein Druck auf die in ihrer sozialen Position objektiv benachteiligten
Individuen in Richtung auf alternative, damit aber von den legitimierten Mitteln sowie Zielen abweichende
Verhaltensweisen.


Dabei ergeben sich im Sinne von sozialem Handeln als Variation zwei abweichende Verhaltensweisen bzw.
Anpassungsarten: Innovation (Neuerung) und Retreatism (Rückzug)."
Innovation als Anpassungsleistung wird dadurch hervorgerufen, daß einerseits das Erfolgsziel kulturell stark
betontund damit internalisiert wird, andererseits aber die zur Erreichung der Ziele legitimierten Mittel nur eine
schwache oder gar keine Betonung erfahren und sie infolgedessen nicht internalisiert, d.h. kein Bestandteil der
Person werden." Diese beiden angeführten Faktoren und hinzukommend bestimmte soziale Positionen, die dem
Individuum den Zugang zu den schwach betonten aber allein legitimierten Mitteln versperren, üben in der Weise
Druck aus, daß nunmehr neue, aber illegitime Mittel und Wege zur Erreichung der Ziele gewählt werden, d.h. es
bilden sich kriminelle Verhaltensweisen aus.

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